Themenreihe „Verkehr“

In den letzten Wochen hat ein stets aktuelles Thema uns Junge Grüne Essen im wahrsten Sinne des Wortes „bewegt“: der Nahverkehr in Essen und dem Ruhrgebiet. Mehrere Veranstaltungen in den Monaten Oktober und November luden dazu ein, den ÖPNV im Ruhrgebiet aus verschiedenen Perspektiven kennenzulernen – auch ganz praktisch.

Am Samstag, den 27.10. waren wir gemeinsam mit Rolf Fliß, GRÜNEN Ratsherr und umweltpolitischen Sprecher der GRÜNEN-Ratsfraktion, im ÖPNV in Essen und Mülheim unterwegs, um die Strukturen des hiesigen Nahverkehrs, seine Geschichte und die politischen Hintergründe besser kennenzulernen. An der Martinstraße in Rüttenscheid ging es los, und in rund vier Stunden weiter mit der U11, U18, 102 und 104 über den Essener und Mülheimer Hauptbahnhof, Mülheim Stadtmitte, Uhlenhorst und viele mehr auf ganz unterschiedlichen Strecken durch die Stadtgebiete.
Zu hören gab es dabei nicht nur technische Fakten rund um die verschiedenen Systeme in Essen, die einzelnen Fahrzeugtypen und ihre Besonderheiten, sondern auch allerlei Informationen über politische Diskussionen und Entscheidungen seit der Einführung der U-Bahn in den 1960er Jahren und ihre zum Teil bis heute andauernden Konsequenzen: So können beispielsweise U-Bahn und Straßenbahn aufgrund der unterschiedlichen Spurweiten nicht auf den gleichen Schienen fahren. Sichtbar wird das u.a. an der Martinstraße, wo drei Schienen in unterschiedlichen Abständen im Gleisbett liegen, um durch U-Bahn und Straßenbahn gleichermaßen befahren werden zu können. Doch auch und gerade an den Stadtgrenzen wird dies deutlich: Stadtgrenzen überschreitende Linien fahren zwischen Essen und Mülheim sowie zwischen Mülheim und Duisburg, doch eine durchgehende Linie von Essen bis Duisburg ist selbst bei gleicher Spurweite aufgrund unterschiedlicher Zugsicherungssysteme nicht möglich. Eine Planung, die von Beginn an auf Kompatibilität und Kooperation setzt, hätte hier vieles möglich machen können.
Gerade im Übergang Essen-Mülheim wurden aber auch die Konsequenzen heutiger politischer Entscheidungen deutlich. Die politische Agenda der Stadt Mülheim, die Straßenbahn nach und nach einzuschränken schreitet voran: Die Linie 110 wurde bereits eingestellt, 2019 folgt mit der weiteren Verkürzung der Linie 104 um den sogenannten Kahlenberg-Ast die nächste. Das, so wünschen sich die Jungen Grünen, soll nicht zum Vorbild für Essen werden: Die Entwicklungen in Mülheim verfolgen wir mit Bedauern. Wir wünschen uns einen Ausbau des Nahverkehrs in Essen, auch über die Stadtgrenzen hinaus, und keine weiteren Einschränkungen. In den Zeiten fortschreitenden Klimawandels und steigender Feinstaubbelastungen in den Städten des Ruhrgebiets ist die Förderung nachhaltigen Verkehrs wichtiger denn je.
Vielversprechende Entwicklungen sind dabei durchaus zu erkennen: Die für 2025 geplante Bahnhofstangente bietet einen wichtigen Beitrag zur Entlastung der Straßenbahn- und U-Bahntunnel in der Innenstadt und für neue und schnelle Verbindungen zwischen Ost und West. Auch die Förderung als „Lead City“ ist eine Chance für neue Projekte nachhaltiger Mobilität in Essen. Zu hoffen ist dabei allerdings auf langfristige Verbesserungen auch über den Förderzeitraum hinaus.

Langfristigere Verbesserungen sind auch beim Thema der zweiten ÖPNV-Tour am 24.11. zu erhoffen: Barrierefreiheit ist eines der Kernthemen, wenn es um aktuelle Maßnahmen im Nahverkehr geht. Vieles wurde schon verbessert, beispielsweise durch die neue Niederflurbahn oder durch zahlreiche Haltestellen, die in den letzten Jahren bereits umgebaut wurden. Auch extra auf Barrierefreiheit ausgerichtete Apps, z.B. der Deutschen Bahn sind – wenn auch teilweise noch fehlerhaft – als wichtiger Schritt zu begrüßen. Doch eine Menge Arbeit steht auch noch bevor, so zeigte sich auch bei der Tour mit Stefan Böhnke, der durch seinen Rollstuhl selber zum „unfreiwilligen Experten“ für ÖPNV und Barrierefreiheit geworden ist. So gibt es in Essen immer noch mehrere U-Bahn-Haltestellen, die ganz ohne Aufzug auskommen müssen und den barrierefreien Zugang zum Gleis unmöglich machen (z.B. die Haltestellen Philharmonie, Hirschlandplatz oder Universität Essen). Und auch der Zugang zum Bahnsteig heißt noch nicht „freie Fahrt“, denn an anderen Haltestellen ist wiederum der Abstand zwischen Bahn und Bahnsteigkante zu hoch (z.B. Martinstraße, Rüttenscheider Stern). Die Rüttenscheider U-Bahn erweist sich damit, so hat sich eindrücklich gezeigt, als schwer zugängliches Pflaster für Rollstühle, Rollatoren, Kinderwagen etc.
Auf diese Weise hat die Tour durch Steele, die Innenstadt und Rüttenscheid bei uns verschiedene Erfahrungen mit Barrierefreiheit hervorgebracht. Auf Barrierefreiheit angewiesen zu sein heißt, immer gut planen zu müssen und die geplanten Haltestellen vorab zu überprüfen. Spontane Fahrten bergen immer Risiken. Doch auch sorgfältiger Planung kann keine Garantie liefern: Ein ausgefallener Aufzug am Rathaus Essen lieferte gleich in der ersten Etappe der Tour den eindeutigen Beweis und zwang uns zur Umkehr. Insgesamt hat die gemeinsame Tour durch den Essener Nahverkehr unseren Blick für potentielle Hürden geschärft, die häufig im Alltag wenig auffallen. Die bereits bestehenden Pläne zum barrierefreien Ausbau des Essener Nahverkehrsnetzes liefern einen wichtigen Beitrag, können diese Hürden jedoch nicht alle ausräumen. Hier gilt es dranzubleiben – und ein Bewusstsein für die unsichtbaren Barrieren kann dazu ein erster Schritt sein.

Verwandte Artikel

Kommentar verfassen

Artikel kommentieren


* Pflichtfeld

Mit der Nutzung dieses Formulars erklären Sie sich mit der Speicherung und Verarbeitung Ihrer Daten durch diese Website einverstanden. Weiteres entnehmen Sie bitte der Datenschutzerklärung.