Schließung des Verallia-Glaswerks in Essen: Rückschlag für den industriellen Strukturwandel – jetzt Beschäftigte absichern und Perspektiven schaffen
Die geplante Stilllegung des Verallia Deutschland AG-Glaswerks in Essen-Karnap trifft die Stadt und ihre Beschäftigten aus heiterem Himmel. Wie das Unternehmen am Dienstag bekannt gab, soll der traditionsreiche Standort mit rund 310 Mitarbeitenden geschlossen werden. Die Essener Grünen zeigen sich bestürzt über die Entscheidung und fordern von der Stadtverwaltung sowie dem Unternehmen ein klares Bekenntnis zur sozialen Verantwortung.
„Die Schließung des Glaswerks kommt völlig unvorbereitet und ist ein erheblicher Schlag – wirtschaftlich wie sozial“, erklärt Markus Spitzer-Pachel, beratendes Ratsmitglied für den Stadtbezirk V. „Über 300 Familien stehen vor einer ungewissen Zukunft, und ein Stück industrieller Identität unserer Stadt droht verloren zu gehen. Jetzt muss die Stadt alles daransetzen, die Beschäftigten nicht im Stich zu lassen. Es braucht schnelle und unbürokratische Lösungen, um Perspektiven zu schaffen – sei es durch Qualifizierungsangebote, die Vermittlung in neue Beschäftigung oder die Entwicklung tragfähiger Nachnutzungskonzepte für das Werksgelände.“
Besonders gravierend ist aus Sicht der Grünen der Verlust eines technologisch zukunftsweisenden Projekts: Seit März 2025 wurde am Standort ein Pilotprojekt zum Einsatz wasserstoffreichen Kokereigases zur Befeuerung von Glasschmelzwannen umgesetzt. Für Verallia ist dieses Energiegas mit rund 60 Prozent Wasserstoff ein zentraler Baustein zur Reduktion der CO₂-Emissionen um 46 Prozent bis 2030 gegenüber 2019. Sandra Schumacher, Co-Fraktionsvorsitzende der Grünen Ratsfraktion, betont: „Hier wird nicht irgendein Werk geschlossen, sondern ein Standort mit Modellcharakter für klimafreundliche Industrieproduktion. Die erfolgreiche Nutzung wasserstoffreicher Energieträger zeigt, dass klimaneutrale Glasproduktion möglich ist. Mit der Schließung verliert Essen industrielle Innovationskraft – mitten in der Transformation.“
Verallia ist europäischer Marktführer und weltweit drittgrößter Hersteller von Glasverpackungen für Getränke und Lebensmittel. Dass ein Konzern dieser Größenordnung einen innovativen Standort im Ruhrgebiet aufgibt, wirft grundsätzliche Fragen zur strategischen Ausrichtung und zur Verantwortung gegenüber den Beschäftigten auf. Auch die Stadtspitze muss erklären, welche industriepolitische Perspektive sie für Essen verfolgt.
Zudem verschärft eine bedenkliche Marktverschiebung die Lage: Der massive Boom von Getränkedosen setzt die Glasindustrie zusätzlich unter Druck. Nach Angaben der Deutsche Umwelthilfe ist das Verkaufsvolumen alkoholfreier Getränke in Dosen in den vergangenen fünf Jahren um rund 47 Prozent gestiegen; jährlich werden inzwischen etwa 5,3 Milliarden Dosen verkauft. Trotz Recycling gehören Dosen weiterhin zu den klimaschädlichsten Getränkeverpackungen – mit hohem Energieeinsatz, erheblichem Neumaterialanteil, Kunststoffbeschichtungen und Materialverlusten im Recycling.
„Der Boom der Einwegdose ist ökologisch ein Rückschritt und industriepolitisch fatal“, so Sandra Schumacher. Während Mehrwegglas regionale Arbeitsplätze sichert und Wertschöpfung vor Ort schafft, fördern Einwegverpackungen Ressourcenverschwendung und Abhängigkeit von Rohstoffimporten. Wer Klima- und Strukturpolitik ernst nimmt, muss Mehrweg konsequent stärken – durch eine wirksame Einwegabgabe auf Dosen und Einwegplastikflaschen und notfalls auch durch eine kommunale Verpackungssteuer. Eine solche Initiative werden wir für Essen auf den Weg bringen.“
Abschließend kritisiert Schumacher die energiepolitischen Rahmenbedingungen auf Bundesebene: „Die aktuelle Bundesregierung sendet widersprüchliche Signale an energieintensive Unternehmen. Statt klarer Investitionsanreize erleben wir Unsicherheit. Wer industriellen Strukturwandel will, muss Verlässlichkeit schaffen – sonst werden Standorte wie Essen weiter unter Druck geraten.“


